Pro & Contra

JEDER FEHLENDE ZAHN EIN IMPLANTAT?

Zunächst einmal muss man bei dieser Frage sauber trennen zwischen den rein wirtschaftlichen und den medizinischen Erwägungen. Die reinen Kostenaspekte warfen aber eine Vielzahl weiterer Überlegungen auf, daher will ich mich leider in erster Linie auf die medizinischen Aspekte beschränken Und da ist es für mich schon ein grandioser Widerspruch in sich wenn man ausgerechnet bei einem hohen Verlust an Zähnen und entsprechend der umgehenden Hart- und Weichgewebe versucht, die therapeutische Antwort möglichst gering zu halten. Aus rein medizinischen Erwägungen scheint mir in den meisten Füllen sinnvoll, möglichst jeden fehlenden Zahn durch ein Implantat zu ersetzen. Zum einen bietet sich mir damit die Möglichkeit Einzelkronenrestaurationen zu erstellen, was schlicht der natürlichen Dentition des Patienten am besten entspricht. Zum zweiten vermeide ich so Verblockungen, was in jedem Fall zu einem besseren ästhetischen Ergebnis führt und mir zudem eine unter mechanischen und biomechanischen Aspekten optimale Ausgestaltung der Prothetik erlaubt. Bei der Verankerung auf wenigen Punkten entdecke ich teilweise schon im Modell eine abenteuerliche Kräfteverteilung, deren langfristige Folgen auf das Gewebe ich mir lieber nicht vorstellen will — fast möchte man hei einigen Versorgungen von Glück reden, wenn es die prothetische Konstruktion ist, die als erste nachgibt und frakturiert. Die Überlegung einer geringeren finanziellen Investition bei einer geringstmöglichen lmplantatzahl ist für die angestrebte langfristige Verweildauer der Versorgungen und eventuelle spätere Erweiterungen und Ergänzungen zu kurz gegriffen. Indem ich jede Lücke mit einem Implantat ersetze, beuge ich auch Knochenverlusten des Kiefers vor und halte mir für künftige Behandlungen das breiteste therapeutische Spektrum offen. lm Zweifelsfall setze ich aus prothetischer Sicht lieber ein Implantat mehr, auch wenn es primär zur Stabilisierung des Zahnersatzes nicht unbedingt erforderlich wäre — es dient mir nur dazu, die späteren prothetischen Arbeitsschritte zu erleichtern und auftretende Komplikationen besser abzupuffern.

Auch in schwer atrophen Situationen bieten sich mit Miniimplantaten, kurzen Implantaten und vorhersagbar erfolgreichen Augmentationstechniken inzwischen gute Möglichkeiten für Einzelzahn-Implantationen. Bei dem Argument, man wolle hochbetagte und gesundheitlich vorbelastete Patienten mit einer geringstmöglichen Implantatzahl schonen, frage ich mich. wie ausgerechnet diese motorisch dann sicherlich ebenfalls stark eingeschränkte Patientengruppe dann wohl mit den z.T. nur sehr aufwändig zu reinigenden prothetischen Versorgungen zurechtkommt. Und auch bei Verankerung auf wenigen Implantaten ist das Essvermögen nicht sofort uneingeschränkt wieder hergestellt.
Es wird eingedenk der Vielzahl der indikationsabhängigen prothetischen Optionen nicht möglich sein, eine verbindliche Regel zur erforderlichen Implantatzahl aufzustellen. “Geiz ist geil“ dürfte sich aber auch hier als das falsche Lebensmotto erweisen und im ungünstigen Fall sogar die Gesundheit gefährden.

Es mag einige Argumente für ‚Jeder verlorene Zahn ein Implantat geben, aber dabei muss uns klar sein, dass wir hei der immer noch hohen Investition einer Implantatbehandlung weite Bevölkerungskreise außen vorlassen und genau hier beginnt schon mein Problem. Ich kann nicht glaubwürdig behaupten, mit festsitzenden Versorgungen dem eigentlichen Standard heutiger zahnmedizinischer Kunst zu entsprechen und über die Hälfte der behandlungsbedürftigen Patienten dann fröhlich die Tür vor der Nase zuschlagen.
Der Einwand, Alternativen wie Kugelkopf-. Teleskop-. Steg- und Locatorversorgungen manifestierten eine Zweiklassen Zahnmedizin in der Implantologie ist Augenwischerei, denn die Alternative, meist eine konventionelle Teil- oder Vollprothese, wurde ich im Vergleich als das entschieden größere Übel ansehen.

Lassen wir abseits, dieser sozialen Diskussion doch die Kirche einmal im Dorf: Die Anzahl der notwendigen Implantate sollte sich nach dem angestrebten prothetischen Behandlungsziel und den vorhandenen individuellen klinischen, vor allem knöchernen Gegebenheiten richten. Dabei gelten für implantatprothetische Versorgungen kaum andere Regeln als für das konventionelle Vorgehen mit natürlichen Pfeilern grundsätzlich nicht mehr Implantate setzen, als für den Aufbau einer für den Patienten sinnvollen und zweckmäßiger Restauration notwendig sind, Dabei spielen auch die mögliche Länge der Implantate, also das vertikale Knochenangebot, und natürlich die Knochenqualität eine Rolle. Im Gegenteil, oft sind festsitzende Verankerungen auf wenigen Implantaten die einzig verbleibende Option in sonst aussichtslosen Fällen, in denen der Gesamtzustand des Patienten und seine individuellen Risiken keine invasiven chirurgischen Eingriffe gestatten würden. Mit einer stabilen Vierpunkt-Abstützung erreiche ich oft nicht nur ein deutlich verbessertes primärprothetisches Ergebnis, sondern durch die Schienung der Restbezahnung auch eine verbesserte Langzeitprognose der verbliebenen natürlichen Zähne. Die Versorgung selbst ist im Aufbau unkompliziert und im Bedarfsfall leicht erweiterbar, Ich gewinne auch Patienten für eine Implantatversorgung, die aus Angst vor einer langen und unangenehmen Behandlung sonst davor zurückschrecken würden. Im Entscheidungsdreieck Kosten-Nutzen-Risiko sieht der finanzielle Aspekt also nicht unbedingt im Vordergrund, weswegen die Disqualifizierung dieses Verfahrens als “Sozial-lmplantologie“ sachlich falsch ist, Gleichwohl ist es für mich ein weiterer Vorteil, dass ich mit diesen Techniken auch Patienten eine festsitzende Versorgung anbieten kann, die sich keine hohen fünfstelligen Beträge für eine implantatprothetische Behandlung mit vielen Einzelimplantaten erlauben können.

Manchmal kann ich übrigens nicht umhin, in der Abqualifizierung dieser Versorgungen auch das erfolgreiche PR-Handwerk der finanzstarken Implantatlobby zu sehen, die natürlich gern und grundsätzlich die größtmögliche Menge an Implantaten pro Kiefer an den Mann bringen möchte.

Praktische Implantologie und Implantatprothetik (PIP 4) 2011

Kontakt: Zahnarztpraxis Dr. Marlie Pirkl-Nolte - Weender Straße 54 - 37073 Göttingen - Tel. 0551/410 50 -  Fax 0551/580 12